In Genf erprobt die «Fondation Clair Bois» den Einsatz künstlicher Intelligenz mit Menschen mit Behinderung. Das Ziel: Mithilfe von ChatGPT einen Newsletter zu erstellen – und gleichzeitig die digitale Selbstständigkeit der Beteiligten zu stärken. Einblick in einen Lernprozess in kleinen Schritten.
Die Freude ist spürbar. Gleichzeitig dämpft Jean-Christophe Pastor jedoch überhöhte Erwartungen: «Wenn wir unseren Umgang mit KI auf einer Skala von 1 bis 6 bewerten müssten, stehen wir bei etwa 2.
Kann KI zu mehr Selbstständigkeit führen?
Wie Caroline Helfer und Alessia Bleve, die ebenfalls am Workshop teilnimmt, können sich in «Clair Bois» nur wenige Personen verbal ausdrücken. Die meisten verwenden für die Kommunikation Hilfsmittel oder assistive Technologien. Damit KI aber tatsächlich zu einem Instrument der Selbstbestimmung werden kann, braucht es elementare digitale Kompetenzen: Text auswählen, kopieren, im Chat-Fenster eine Anfrage formulieren und die Antwort abrufen.
Damit KI aber tatsächlich zu einem Instrument der Selbstbestimmung werden kann, braucht es elementare digitale Kompetenzen: Text auswählen, kopieren, im Chat-Fenster eine Anfrage formulieren und die Antwort abrufen.
Ohne diese Fähigkeiten bleibt eine freie Interaktion unmöglich. Viel wird derzeit darüber diskutiert, dass KI auch neue Formen der Diskriminierung schaffen kann – gerade für Menschen mit Behinderungen. Doch sind die Tools überhaupt für Nutzerinnen konzipiert, die alternative Kommunikationsformen oder Hilfsmittel verwenden? Die Antwort lautet meist: noch nicht.
Lernen, mit der Anwendung zu sprechen
Im Workshop wird der Newsletter Abschnitt für Abschnitt durchgegangen. Ein Vorlesetool gibt die Texte wieder, die Gruppe teilt die redaktionellen Aufgaben untereinander auf. «Manchmal muss ich Texte schreiben – Zusammenfassungen oder auch Interviews. Ich schreibe sie zuerst von Hand», erklärt Krystie Caterelo, die einzige Teilnehmerin, die mündlich kommuniziert. «Dann lese ich sie laut vor, und sie werden direkt am Computer erfasst.»
Pastor fragt die Gruppe: «Was wollen wir nun ChatGPT fragen? » Stille. Das Tool ist da, doch die Anfrage zu formulieren, ist eine Herausforderung. Nach kurzem Zögern sagt Krystie: «Ich kopiere den Text und merke dann, dass er nicht gut geschrieben ist oder Fehler hat.» Heute soll ChatGPT helfen, ein Interview zu überarbeiten, das Krystie mit einem anderen Teilnehmer geführt hat. Der Text wird vorgelesen.
Soll ein Titel dazu? Soll er in Abschnitte geteilt werden? Müssen Wörter ersetzt werden? Pastor unterstützt, stellt Rückfragen, formuliert Vorschläge neu. Das Ziel: nicht nur den Text zu verbessern, sondern lernen, wie man einer KI-Anwendung eine präzise Aufgabe stellt. Schliesslich diktiert Krystie Chat GPT über die Mikrofonfunktion: «Erstelle einen Abschnitt aus dem Text! » Die Anfrage ist simpel – und ungenau. Die KI liefert eine stark überarbeitete Fassung, gelesen von einer Stimme mit Quebecer Akzent. «Da sind viele neue Dinge drin! », staunt Krystie. Doch ein Problem fällt sofort auf: Die Fragen der Interviewerin fehlen. Die KI hat den Dialog in einen durchgehenden Bericht verwandelt. Nach weiterer gemeinsamer Diskussion entsteht ein «literarischerer» Vorschlag, der Alessia gefällt. Doch Krystie bleibt kritisch: «Als meine Fragen noch drin waren, war es besser. Die Dame hat die Sätze verändert …»
Begleitung als Schlüssel zur Inklusion
Wer mit künstlicher Intelligenz arbeitet, muss seine Erwartungen klar benennen können. Soll die KI nur korrigieren? Umschreiben? Zusammenfassen? Wenn Dialoge erhalten bleiben sollen, muss dies angegeben werden. Autonomie bedeutet also nicht nur, ein Tool zu bedienen, sondern auch, die eigenen Absichten präzise zu formulieren und Schritt für Schritt zu verfeinern. Deshalb bleibt die menschliche Begleitung entscheidend. Jean-Christophe Pastor übernimmt eine Vermittlerrolle: Er hilft bei der Formulierung der Anfragen, erklärt die Ergebnisse und stärkt den kritischen Blick der Nutzerinnen auf die Vorschläge der KI. In der «Fondation Clair Bois» verläuft der Weg zur digitalen Selbstständigkeit langsam, aber stetig. Doch gerade in dieser vorsichtigen Entwicklung zeigt sich eine zentrale Erkenntnis: KI ist keine Zauberlösung, sondern ein Werkzeug – eines von vielen, das Menschen auf unterschiedlichen Wegen unterstützen kann.
* Text vom Französischen ins Deutsche übersetzt
