KI-Systeme übersetzen Texte schnell und einfach in Leichte Sprache. Doch wie gut ist deren Qualität? France Santi, Spezialistin für Leichte Sprache, spricht im Interview über die Chancen und Grenzen von künstlicher Intelligenz (KI) im barrierefreien Schreiben.
Hat künstliche Intelligenz Ihre Arbeitsweise verändert?
Als ich künstliche Intelligenz (KI) das erste Mal nutzte, war da ein echter „Wow‑Effekt“. Die Ergebnisse waren beeindruckend und wirkten vielversprechend. Doch schnell wurde mir klar, dass KI-Systeme trotz einzelner guter Resultate auch sehr viele Fehler machen. In den wenigen Fällen, in denen ich einen ganzen Text von einer KI-Applikation übersetzen liess, war das Ergebnis gar so unzureichend, dass ich am Ende mehr Zeit für Korrekturen aufwenden musste, als wenn ich den Text selbst übersetzt hätte.
Wie hat dies Ihre Arbeitsweise beeinflusst?
Ich habe gelernt, KI gezielter einzusetzen. Mit präziseren Anweisungen und Einstellungen habe ich die Nutzung gewissermassen optimiert. Heute nutze ich KI zum Beispiel, um Texte zusammenzufassen, zentrale Punkte herauszuarbeiten oder einzelne Passagen zu vereinfachen, wenn ich selbst nicht weiterkomme. Ich sehe sie als eine Art „Sparringpartner“ (Anm. d. Red.: eine redaktionelle Hilfe). Da ich oft alleine arbeite und kein Team um mich habe, begleitet sie mich im Arbeitsalltag.
Ich habe gelernt, KI gezielter einzusetzen. Mit präziseren Anweisungen und Einstellungen habe ich die Nutzung gewissermassen optimiert. Heute nutze ich KI zum Beispiel, um Texte zusammenzufassen, zentrale Punkte herauszuarbeiten oder einzelne Passagen zu vereinfachen, wenn ich selbst nicht weiterkomme. Ich sehe sie als eine Art „Sparringpartner“ (Anm. d. Red.: eine redaktionelle Hilfe).
Was braucht es, um einen guten Text in Leichter Sprache zu erzeugen – noch bevor KI eingesetzt wird?
Zunächst ist es entscheidend, die Erwartungen des Auftraggebers zu verstehen, die Zielgruppe präzise zu definieren und die relevanten Informationen auszuwählen. Diese Schritte übernimmt KI nicht. Ihr Fokus liegt vor allem auf der Vereinfachung von Wörtern und Sätzen sowie auf der Lesbarkeit. Die daraus resultierenden Entscheidungen sind jedoch nicht automatisch auf die jeweilige Zielgruppe zugeschnitten. Die Ausgangslage unterscheidet sich von Fall zu Fall erheblich und muss sorgfältig analysiert werden. So reicht es beispielsweise nicht aus, einen Text pauschal für „Menschen mit geistiger Behinderung“ zu verfassen. Für ein qualitativ gutes Endprodukt ist ein spezifisches Verständnis der Bedürfnisse der Zielgruppe nötig. Deshalb arbeite ich häufig iterativ und im engen Austausch mit den Auftraggebern, bis ein gemeinsames Bild vom gewünschten Ergebnis entstanden ist. Erst dann arbeite ich Schritt für Schritt weiter und setze KI gezielt als Unterstützung und für die sprachliche „Feinarbeit“ ein.
Besteht ein Risiko, wenn man KI-Tools ohne Fachwissen nutzt?
Ja, ganz eindeutig. Wer nicht genau versteht, was er von der Maschine erwartet, kann das Ergebnis auch nicht beurteilen. Ich vergleiche das gern mit einer Übersetzung: Wenn ich einen Text vom Französischen ins Deutsche übersetze – eine Sprache, die ich ziemlich gut beherrsche – kann ich prüfen, ob das Resultat stimmt. Würde ich denselben Text ins Japanische übersetzen lassen, ohne diese Sprache zu kennen, könnte ich nicht beurteilen, ob die Übersetzung korrekt ist. Genau dieses Problem sehe ich derzeit bei der Leichten Sprache. KI wird genutzt, ohne dass die zugrunde liegenden Prinzipien bekannt sind. Es gibt deshalb keine Qualitätskontrolle. Man hinterfragt nicht, ob ein Text tatsächlich nützlich, relevant oder für die Zielgruppe verständlich ist. Man sieht nicht, wo der Text noch zu kompliziert oder tatsächlich zu einfach ist. So besteht die Gefahr, Inhalte zu produzieren, die zwar als Leichte Sprache ausgewiesen werden, aber tatsächlich keinen Mehrwert bieten.

In der Leichten Sprache ist das Gegenlesen von Texten mindestens durch eine, idealerweise durch mehrere Personen aus der Zielgruppe eine zentrale Regel. © Cyril Zingaro/insieme Schweiz
Sie sprechen auch von einem weiteren Risiko…
Meine grösste Sorge ist, dass alles an die Maschine delegiert wird. Dieses Phänomen ist mir bereits verschiedentlich aufgefallen, insbesondere in Deutschland. In der Schweiz stehen meist noch Fachpersonen hinter den Tools, doch in anderen Ländern werden Inhalte teilweise vollständig automatisiert erstellt. Das wirft Fragen zur Transparenz auf: Leser*innen sollten klar erkennen können, ob ein Text automatisch generiert wurde und was sie erwarten dürfen.
Gefährdet der Einsatz von KI die Arbeit von Menschen aus der Zielgruppe, die entsprechende Texte prüfen?
Das ist eine berechtigte Frage. In der Leichten Sprache ist das Gegenlesen von Texten mindestens durch eine, idealerweise durch mehrere Personen aus der Zielgruppe eine zentrale Regel. Entfällt dieser Schritt, kann man nicht mehr von Leichter Sprache sprechen, sondern lediglich von einfacher Sprache. Ganz allgemein ist das Entgegennehmen und Verarbeiten von Rückmeldungen aus der Zielgruppe Grundlage jeder guten Kommunikation. Nur so lässt sich sicherstellen, dass eine Botschaft tatsächlich verstanden wird. Das kann keine Maschine ersetzen.
Sie haben viele Risiken angesprochen. Sehen Sie auch Chancen für den Einsatz von KI im Bereich der Leichten Sprache und für Ihren Beruf?
Für mich bleibt KI in erster Linie ein Werkzeug. Richtig eingesetzt, kann sie eine wertvolle Unterstützung sein. Das ist auch der Grund, weshalb ich sie in meiner Arbeit nutze. In Organisationen kann eine gut konzipierte und trainierte KI dazu beitragen, Texte in Leichter Sprache rascher zu erstellen, Vorlagen zu vereinheitlichen und die redaktionelle Qualität zu sichern. Dies trifft insbesondere auf Dokumente mit wiederkehrenden Inhalten zu, wie zum Beispiel Reglemente, Verträge, Anleitungen oder interne Mitteilungen. Auch die Entwicklung spezifischer KI‑Systeme, die gemeinsam mit Spezialist*innen für Leichte Sprache und Personen aus der Zielgruppe erarbeitet und trainiert werden, erachte ich als sinnvoll. In solchen Kontexten kann KI tatsächlich zur Teilhabe und Inklusion beitragen. In dieser Hinsicht verändert sich auch mein Beruf: Er umfasst zunehmend Schulung und Begleitung bei der Integration dieser Werkzeuge. Und nicht zuletzt darf man eines nicht vergessen: KI benötigt sehr viel Energie. Dabei verfügen wir bereits über eine leistungsfähige und kostenlose Ressource – unser eigenes Gehirn. Dieses zuerst zu nutzen, ist oft die beste Lösung.
Interview vom Französischen ins Deutsche übersetzt
