Meine Tochter mit Trisomie 21 und ihre spezielle Reise ins Sommerlager

Autor

Edith Frattini

Veröffentlicht am

Meine Tochter lebt in einer Institution für Menschen mit einer Beeinträchtigung in Spiez. Letztes Jahr hat es leider nicht geklappt, dass meine Tochter ins Sommerlager gehen konnte, weil die Betreuungspersonen sie nicht dazu gebracht haben, ins Auto zu steigen. Deswegen habe ich als Mama das Angebot gemacht: Wenn die Abreise von der Institution ins Lager auch diesmal nicht gelingt, würde ich meine Tochter selber ins Lager nach Rothenburg bringen. Denn ich möchte sie nicht traurig sehen, nur weil es wieder mal nicht geklappt hat.

Samstag 9. Juli 2022,12.45 Uhr, Arbeitsende. Ich begebe mich auf den Heimweg mit dem Zug von Thun nach Spiez. Ich nehme mein Handy aus der Tasche, sehe zwei Anrufe von der Institution, in welcher meine Tochter lebt. Der erste Anruf kam um 12.36 Uhr, der zweite um 12.48 Uhr. Ich telefoniere sofort auf die Wohngruppe und erfahre, dass es nicht funktioniert hat. Meine Tochter hat sich nicht dazu bewegen lassen, ins Auto zu steigen und mitzufahren.

«Ich komme», ist meine Antwort!

Ankunft am Bahnhof Spiez um 13.05 Uhr. Schnell noch ein kleiner Einkauf in der Migros. Laufe nach Hause, telefoniere mit meiner zweiten Tochter, welche in Luzern lebt: «Arbeitest du noch?» Ihre Antwort: «Nein». Ich frage: «Könntest du mir in Luzern beim Umsteigen mit deiner Schwester helfen?» Meine Tochter antwortet: «Klar».

Jetzt bin ich gerade zu Hause angekommen. Telefoniere nochmals mit der Wohngruppe, ich wäre unterwegs, um sie abzuholen. Mit der Bitte, meine Tochter schon mal ins Treppenhaus der Institution zu begleiten. Ich telefoniere noch mit meinem Sohn und frage ihn, ob er Zeit hätte, uns zu fahren. Leider hat er noch Termine, er könnte erst viel später fahren, wäre jedoch bereit dazu, vom Berner Oberland nach Luzern zu fahren.

Jetzt bin ich in der Institution angekommen, es ist 13.45 Uhr. Meine Tochter ist schon im Treppenhaus. «Gut», denke ich mir. Ich sehe das ganze Gepäck: 1 Koffer, 1 grosser Rucksack, 1 kleiner Rucksack und 1 vollbepackte Tasche. «Na dann Prost», denke ich mir, wie soll ich dies alles transportieren und meine Tochter noch begleiten?

Ich weiss, dass meine Tochter mit Unterstützungsbedarf für Übergänge, etwa raus aus der Institution, rund 10-15 Minuten braucht. Ich würde so gerne die Bahn um 14.22 Uhr nehmen. Keine Ahnung, ob das gelingt.

«Wunschtraum von Mama».

Es ist schon nach 14.00 Uhr, aber wir sind schon unterwegs. Phu! Jetzt geben wir aber Gas. Ich weiss, ich sollte nicht hetzen, aber irgendwie muss ich, damit meine Tochter noch heute ins Lager kommt und ihre Ferien geniessen kann. Wir stehen auf Perron 2 sieben Minuten vor Abfahrt des Zuges. Super, geschafft! Denkst du, hahaha… Plötzlich an der Anzeigetafel neu: Zug Nr. 108 fährt auf Gleis 4 um 14.24 Uhr. Ich sage meiner Tochter, dass wir das Perron wechseln müssen. Uns bleiben vier Minuten, um auf Gleis 4 zu gehen: Treppe runter, durch die Unterführung und auf der anderen Seite wieder rauf. Geschafft! Der Zug schon da. Leider voll mit Leuten und Gepäck. Einsteigen. Kein Sitzplatz. Meine Tochter setzt sich auf die Treppe, und ich darf stehen bis Bern. Dann trifft man immer wieder so nette Mitreisende, manchen könnte man glatt denn Hals umdrehen. Aber das ist ein anderes Thema.

Ankunft in Bern. Wir haben gerade noch sechs Minuten Zeit, um umzusteigen. Von Gleis 2 auf Gleis 9. Meine Tochter an meinem linken Arm, der Koffer und die Tasche am rechten Arm und der Rucksack an meinem Rücken. Wie es am Bahnhof so ist: viele Leute, wenig Platz. Mit Rolltreppe hoch, rüber laufen zum Lift. Lifte in den Bahnhöfen sind langsam.

Es ist zum Verzweifeln.

Geschafft, wir sitzen im Zug 15.00 Uhr nach Luzern. Jetzt zum ersten Mal Ruhe. Ich telefoniere mit meiner Tochter in Luzern und gebe die Ankunftszeit 16.00 Uhr an. Ankunft in Luzern 16.04 Uhr, leider weit hinten auf dem Gleis, unser nächster Zug fährt um 16.14 Uhr auf Gleis 3. Meine zweite Tochter wartet schon am Bahnhof Luzern und steigt dann mit uns um. Los geht’s. Zug erwischt. Jetzt telefoniere ich mit der Betreuerin im Lager und melde die Ankunftszeit 16.27 Uhr in Rothenburg.

Geschafft. In Rothenburg wird meine Tochter mit dem Auto der Institution abgeholt. Sie steigt ohne zu zögern ein. Sie will jetzt Party machen im Lager. Tschüss Mama und Schwester.

Wir fahren mit dem nächsten Zug wieder nach Luzern. Jetzt haben wir Hunger, gehen Essen und geniessen die Ruhe. 19.00 Uhr Rückfahrt mit dem Zug von Luzern zurück nach Spiez, Ankunft 20.45 Uhr. Es ist so schön zu sehen, dass ich mich auf meine Kinder verlassen kann. Wie sagt meine Tochter mit Beeinträchtigung immer: «Mami heisst Mami Punkt.»