Mitbestimmung gemeinsam leben

Autor

Lise Tran

Veröffentlicht am

Das Selbstvertretungskomitee der FARA-Stiftung (FR) ist das Sprachrohr aller Stiftungsbegünstigten. Dieses Komitee aus Menschen mit Behinderung setzt sich für die Vertretung ihrer Rechte und die Verbesserung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen ein. Treffen bei einer monatlichen Sitzung.

Myriam Chenaux arbeitet in der Druckerei der FARA-Stiftung in Freiburg. Dort hat sie den Einladungsflyer für die letztjährige Vorstellung des Selbstvertretungskomitees entworfen. «Ich hatte noch keine Zeit, den Flyer für die diesjährige Versammlung zu gestalten», erklärt sie der achtköpfigen Gruppe, die in einem der Räume des Sainte-Agnès-Gebäudes zusammengekommen ist. Jeden Monat trifft sich das Selbstvertretungskomitee während der Arbeitszeit, um über Massnahmen zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen innerhalb der FARA-Stiftung zu sprechen.

Ich engagiere mich im Komitee, um die Rechte aller Stiftungsbegünstigten zu vertreten. Auch derer, die beim Sprechen Schwierigkeiten haben»

«Ich engagiere mich im Komitee, um die Rechte aller Stiftungsbegünstigten zu vertreten. Auch derer, die beim Sprechen Schwierigkeiten haben», erzählt uns die Dreis­sigjährige, die eine aktive Rolle im Komitee spielt. Myriam Chenaux ist die Vorsitzende. Im Vorfeld bereitet sie die Sitzungen und PowerPoint-Präsentationen vor. Sie leitet die Sitzungen und gibt mit bestimmtem Ton das Tempo vor.

 

 

«Heute haben wir ein volles Programm», verkündet die Moderatorin Cindy Diacquenod. Ihre Aufgabe besteht darin, die Mitglieder des Komitees zu unterstützen und insbesondere die Unterlagen in Leichter Sprache vorzubereiten. Unser Besuch sowie die Aufnahme von einem neuen Mitglied, Gian Delnon, haben die Tagesordnung durcheinandergebracht. Zusätzlich zu den zu besprechenden Punkten will uns das Komitee Einblick in seine Arbeitsweise geben. «Meine Aufgabe ist es, die Informationen in die WhatsApp-Gruppe zu stellen», berichtet der stellvertretende Vorsitzende Sébastien Jelk. Er sucht nach Worten und gerät ins Stocken.

Mithilfe der Moderatorin erinnert er sich wieder: «Gemeinsam mit der Vorsitzenden trage ich ausserdem der Stiftungs-leitung unsere Anliegen vor. Bei der nächsten Sitzung informieren wir darüber, was besprochen wurde.» Der Vorsitzenden und ihrem Stellvertreter stehen Sekretärinnen zur Seite. Es ist die Aufgabe von Marie Andrey und Floriane Grognuz, die Unterlagen auszudrucken und zu verteilen. Jenny Limat bringt den Computer und das erforderliche Material. «Wir werden an einer Computerschulung teilnehmen, um die Protokolle zu erstellen», sagt Grognuz leicht gestresst, aber voller Vorfreude. Alle haben eine Funktion im Komitee. Eine Person hat das Amt des Schatzmeisters bzw. der Schatzmeisterin inne, andere sind für die Pausen, für die Einhaltung der Zeiten und für die Schlüssel verantwortlich.

 

Vorschlagsboxen für die Weiterleitung von Wünschen

Wie erreichen die Wünsche der anderen Begünstigten das Komitee? An drei strategischen Orten in der Stiftung wurden Vorschlagsboxen angebracht. Hier können alle ihre Wunschzettel einwerfen. «Ich sammle die Zettel aus diesen Kästen ein», erläutert Gaëlle Uruty. Zwei weitere Mitglieder des Komitees, Fernando Moreira und Olivier Ducrest, sind auch als Briefträger tätig. Die Wünsche sind ganz unterschiedlich und nicht ausschliesslich persönlicher Natur.

Die Wünsche sind ganz unterschiedlich und nicht ausschliesslich persönlicher Natur. Sie reichen von der Wahlmöglichkeit zwischen zwei Menüs über Fasnachtsferien bis hin zu mehr Privatsphäre, insbesondere in den Umkleideräumen.

Sie reichen von der Wahlmöglichkeit zwischen zwei Menüs über Fasnachtsferien bis hin zu mehr Privatsphäre, insbesondere in den Umkleideräumen. «Das Thema Löhne und Arbeitszeiten, ein wichtiger Punkt, wird regelmässig angesprochen», berichtet Cindy Diacquenod. «Und wenn wir vorschlagen würden, jeden Tag einen Film anzuschauen?», wirft Gian Delnon spontan ein. Und die schlagfertige Myriam Chenaux lacht: «Wir werden sehen, was die Leitung dazu sagt!» Etwas ernster erklärt die Moderatorin, dass die Forderungen für alle Betroffenen nützlich sein müssen und dass sie abgeändert werden können, um umsetzbar zu sein. «Wir stimmen über die Vorschläge ab. Das sind gute zehn Seiten …», sagt die Vorsitzende. Die befürworteten Vorschläge werden dann an die Leitung übermittelt und mit ihr besprochen. Sofern diesen zugestimmt wird, wird gemeinsam nach Lösungen gesucht, um sie umzusetzen.

Cindy Diacquenod

«Das Thema Löhne und Arbeitszeiten, ein wichtiger Punkt, wird regelmässig angesprochen»

Cindy Diacquenod, Moderatorin

Befragung aller Stiftungsbegünstigten

Das nächste Traktandum ist die Erstellung eines Fragebogens. Mit dessen Hilfe soll ermittelt werden, wie zufrieden die Begünstigten mit den vom Komitee umgesetzten Aktionen sind. Floriane Grognuz steht auf und ergreift das Wort: «Wie wollen wir diesen Fragebogen umsetzen? Wie wollen wir ihn erklären?» Die Diskussion ist eröffnet. Einige schlagen vor, Sprachnachrichten zu nutzen. Andere sehen das Ganze kritisch. «In der Werkstatt sehen sie, wie wir zur Sitzung aufbrechen und wieder zurückkommen. Niemand weiss, was wir machen!», wirft der Neue ein.

Es entspinnt sich eine Diskussion darüber, wie wichtig es ist, die richtigen Informationen zu kommunizieren. Schliesslich wird entschieden, mit dem Fragebogen nach der Generalversammlung Mitte Juli zu starten, «wenn wir alle über die Fortschritte der Projekte informiert haben», erklärt die Vorsitzende. Welche anderen Projekte hat das Komitee in petto? Die neuen Stiftungsregeln in Leichter Sprache Korrektur zu lesen. Aber auch, wie im vergangenen Jahr, die Bar auf dem Weihnachtsmarkt zu betreiben. Mit dem Verkaufserlös finanziert das Komitee einen Teil seiner Kosten.

Mitbestimmung will gelernt sein

 

Seit 1994 müssen alle Unternehmen die Mitbestimmung ihrer Mitarbeitenden gewährleisten. Auch solche, die Menschen mit Behinderung beschäftigen. Das Selbstvertretungskomitee von FARA wurde 2023 ins Leben gerufen und umfasst vier Bereiche, die von einem oder mehreren Mitgliedern vertreten werden. Das sind die Produktionswerkstätten, die Beschäftigungswerkstätten, die Wohnungen sowie die Wohnheime und Tagesstätten. Derzeit gehören dem Komitee zehn Mitglieder an. Die von INSOS entwickelte «STEP BY STEP»-Methode diente Cindy Diacquenod, die mitgeholfen hat, das Komitee auf die Beine zu stellen, als Arbeitsgrundlage. «Ich hatte auch Kontakt zu anderen Einrichtungen, die bereits solche Gremien hatten. Sie haben mich auf viele gute Ideen gebracht», strahlt sie. Zunächst wurden die Mitglieder geschult, um zu lernen, Selbstvertretende zu sein und für sich und die anderen zu sprechen.

Die Mitglieder des Selbstvertretungskomitees von FARA sind auch ausserhalb der Stiftung für verschiedene Medienprojekte aktiv. Im Juni haben einige am neunten Treffen des nationalen INSOS-Netzwerks «Betriebliche Mitwirkung» teilgenommen. Das Ziel ist es, die erste gewerkschaftliche Ausbildung für und mit Menschen mit Behinderungen in der Schweiz zu entwickeln. Zu diesem Zweck haben sich INSOS, Travail.Suisse Formation TSF und die Gewerkschaft Syna zusammengeschlossen. Das Besondere an diesem Projekt ist die gemeinsame Gestaltung mit nationalen Organisationen und Menschen mit Behinderung. Das Projekt wurde von Innosuisse, der schweizerischen Agentur für Innovationsförderung, im Rahmen ihrer «Innovation Booster»-Förderangebote ausgewählt.

* Text vom Französischen ins Deutsche übersetzt