Shanna Jordi studierte Psychologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Genf. In ihrer Abschlussarbeit befasste sie sich mit der beruflichen Eingliederung von Menschen mit einer geistigen Behinderung – mit dem Ziel, vor allem eines zu erreichen: den Betroffenen selbst eine Stimme zu geben.
Warum war es Ihnen wichtig, die Erzählungen der betroffenenMenschen ins Zentrum Ihrer Studie zu rücken?
Während meines Studiums fiel mir auf, dass in vielen Forschungsarbeiten über Menschen mit geistiger Behinderung gesprochen wird, ohne sie tatsächlich einzubeziehen. Dabei sind sie selbst am besten in der Lage, ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Statistiken liefern zwar wertvolle Erkenntnisse, aber sie vermögen persönliche Erlebnisse und Empfindungen nicht abzubilden.
Die acht Teilnehmenden Ihrer Studie besuchten eine Sonderschule, teilweise nach einer Regelschule. Welchen Einfluss hat der schulische Werdegang auf die berufliche Eingliederung?
Die Werdegänge zeigen deutlich, dass es keine Einheitslösung für Inklusion gibt. Manche Menschen entfalten sich besser in der Regelschule, andere profitieren von der stärker individualisierten Betreuung in der Sonderschule. Allerdings werden dort die Erwartungen gemäss wissenschaftlichen Erkenntnissen teilweise gesenkt, was den Zugang zu bestimmten Abschlüssen erschweren und sich auf die berufliche Integration auswirken kann. Gleichzeitig zeigt meine Studie, dass ein formaler Abschluss nicht allein entscheidend ist: Vier der acht Befragten arbeiten im regulären Arbeitsmarkt – auch ohne eidgenössisches Fähigkeitszeugnis (EFZ).
Manche Menschen entfalten sich besser in der Regelschule, andere profitieren von der stärker individualisierten Betreuung in der Sonderschule. Allerdings werden dort die Erwartungen gemäss wissenschaftlichen Erkenntnissen teilweise gesenkt, was den Zugang zu bestimmten Abschlüssen erschweren und sich auf die berufliche Integration auswirken kann.
Shanna Jordi
Welchen Stellenwert hat die Arbeit im Leben derStudienteilnehmenden?
Einen sehr hohen. Arbeit hilft, Isolation zu überwinden und soziale Kontakte zu knüpfen – ein wichtiger Faktor für das psychische Wohlbefinden. Gerade während der Pandemie haben mehrere Teilnehmende unter fehlenden Aktivitäten gelitten. Arbeit vermittelt zudem das Gefühl, gebraucht zu werden, und stärkt Selbstwert und Zugehörigkeit. Auch ein bescheidener Lohn trägt zur finanziellen Eigenständigkeit bei.
Sind die Befragten mit ihrer Arbeit zufrieden?
Ja, alle Teilnehmenden äusserten Zufriedenheit. Diejenigen im regulären Arbeitsmarkt konnten sich meist nicht vorstellen, in einer geschützten Werkstätte tätig zu sein. Umgekehrt ist auch die Person, die in einer solchen Einrichtung arbeitet, sehr zufrieden: Mit ihrem Einkommen konnte sie an Reisen teilnehmen und dort unter anderem ihre heutige Partnerin kennenlernen. Es zeigt sich, dass weniger der Arbeitsort entscheidend ist als vielmehr die Möglichkeit, überhaupt arbeiten zu können.
Alle Teilnehmenden äusserten Zufriedenheit mit ihrer Arbeit. Es zeigt sich, dass weniger der Arbeitsort entscheidend ist als vielmehr die Möglichkeit, überhaupt arbeiten zu können.
Was hat Sie an den Erfahrungsberichten besonders beeindruckt?
Die Resilienz der Menschen. Eine Teilnehmerin hat beispielsweise erst im Erwachsenenalter lesen und schreiben gelernt. Andere mussten Mobbing ertragen oderdarum kämpfen, überhaupt arbeiten zu dürfen. Diese Lebenswege sind berührend und beeindruckend zugleich.
Der Übergang von der Schule ins Berufsleben kann manchmal schwierig sein …
In der Tat. Praktika spielen in dieser Phase eine zentrale Rolle. Sie ermöglichen es, einen Beruf kennenzulernen, und geben Arbeitgeber*innen die Chance, Vorurteile abzubauen. Sehr oft dienen solche Praktika als Sprungbrett für eine zunächst befristete und später unbefristete Anstellung. Vermittlungsstellen oder die Familie unterstützen diesen Prozess und wirken oft als wichtige Brücken zwischen Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmenden.
Was sind Ihrer Ansicht nach die grössten Hürden für eine Anstellung?
Abgesehen von nach wie vor bestehenden gesellschaftlichen Normen, die die Inklusion behindern, befürchten manche Unternehmen, dass es an Selbstständigkeit oder Produktivität mangelt. Die von mir befragten Personen wurden jedoch häufig als pünktlich, zuverlässig, sorgfältig und sehr loyal beschrieben. Oft genügen bereits kleine Anpassungen: indem Aufgaben in kleine Schritte gegliedert werden, mehr Flexibilität eingeplant oder eine schrittweise, unterstützte Einarbeitung ermöglicht wird.
Abgesehen von nach wie vor bestehenden gesellschaftlichen Normen, die die Inklusion behindern, befürchten manche Unternehmen, dass es an Selbstständigkeit oder Produktivität mangelt. Die von mir befragten Personen wurden jedoch häufig als pünktlich, zuverlässig, sorgfältig und sehr loyal beschrieben.
In Ihrer Arbeit wird deutlich, dass der Fokus auf den Fähigkeiten und nicht auf den Einschränkungen liegen sollte.
Genau. Dieses Anliegen ist mir auch persönlich sehr wichtig. Meine Grossmutter wurde mit einer Fehlbildung am Arm geboren. Sie erlebte viel Diskriminierung und erhielt nie einen regulären Arbeitsvertrag. Und viele dieser Hindernisse bestehen bis heute. Diese Erfahrung hat mich bestärkt, meine Abschlussarbeit diesem Thema zu widmen.
