Alle kennen Nadji

Autor

Lise Tran

Veröffentlicht am

Im Genfer Stadtteil Pâquis grüsst Nadji die Nachbarn, spielt mit seinem besten Freund Fussball und träumt davon, einesTages Koch zu werden. Der 9‑jährige Junge mit Trisomie 21 besucht die öffentliche Schule, wo er dank individuellerFörderung in seinem eigenen Tempo lernen und sich entwickeln kann.

In Pâquis kennt ihn fast jeder: Nadji bleibt bei fast jedem Spaziergang stehen, um einen Nachbarn zu grüssen, ihm die Hand zu geben oder ein paar Worte zu wechseln. Seine offene und herzliche Art bringt seine Eltern, Joane Matthey und Niya Ezoba, immer wieder zum Schmunzeln. «Uns kennt niemand. Wir sind nur Nadjis Eltern», sagt sein Vater augenzwinkernd. Der von Natur aus sehr gesellige 9-Jährige hat seiner Familie nicht nur viele Kontakte im Viertel ermöglicht, sondern auch das familiäre Miteinander gestärkt. Gibt es Spannungen zwischen den Eltern, greift Nadji ganz selbstverständlich ein: «Er nimmt uns an der Hand und sagt: Du, Papa, du, Mama – ihr gehört zusammen», erzählt sein Vater. Eine einfache, aber wirkungsvolle Botschaft, die hilft, Konflikte zu relativieren.

Uns kennt niemand. Wir sind nur Nadjis Eltern.

Nach der Schule und der Kindertagesstätte trifft sich die ganze Familie in der Mansardenwohnung im Genfer Stadtteil Pâquis. © Patrick Gilléron-Lopreno

Im Wohnzimmer der Familienwohnung kann Nadji nicht lange still sitzen: Er läuft zwischen den Erwachsenen hin und her, setzt sich kurz auf den Schoss seiner Mutter oder seines Vaters, um gleich darauf wieder aufzuspringen. Auf die Frage, was ihm in der Schule am besten gefällt, kommt die Antwort sofort: «Sport. Fussball!» Dann fügt er spontan hinzu: «Und sogar Papa! Mein Papa!» Sein Vater schaut überrascht, während Nadji stolz weiter erklärt: «Ich liebe meinen Papa. Er ist stark und kann super dribbeln.» «Ach ja? Das wusste ich gar nicht», entgegnet Niya lachend.

Nadji, der Älteste, zusammen mit seinen Eltern und seinen Schwestern Sanza und Gaïa. © Patrick Gilléron-Lopreno

«Für mich war Nadji einfach mein Baby»

Die Diagnose Trisomie 21 erhielten die Eltern, als Nadji gerade einmal zehn Tage alt war. Die Familie musste nach der Geburt wegen kleiner gesundheitlicher Probleme länger als geplant im Spital bleiben. «Ich war überrascht, ich hatte keine Ahnung», erinnert sich Joane. «Aber wir hatten die Diagnose sehr schnell akzeptiert. Für mich war Nadji einfach mein Baby, das sich gut entwickelte. Ich war überzeugt, dass wir zur richtigen Zeit die passenden Lösungen finden würden.»

Abgesehen von einem anfänglichen Schock bei der Grossmutter mütterlicherseits nimmt das Umfeld die Nachricht wohlwollend auf und sichert der Familie rasch Unterstützung zu. Die ersten Jahre verlaufen ohne grössere Schwierigkeiten. Nadji besucht eine reguläre Kindertagesstätte, in der er schnell seinen Platz findet. Er beginnt etwa zur gleichen Zeit wie seine Freunde zu laufen und zeigt keine besonderen motorischen Auffälligkeiten. Da sich seine sprachlichen Fähigkeiten jedoch langsamer entwickeln, schlägt das Betreuungsteam vor, ihm zusätzlich einige Gebärden beizubringen – eine wertvolle Unterstützung.

Das Sprechen bleibt lange Zeit die grösste Herausforderung. Nadji­ spricht seine ersten Wörter erst im Alter von etwa drei Jahren. Auch das Sauberwerden gestaltet sich schwieriger als erwartet. Vor allem aber fällt seine überschäumende Geselligkeit auf: «Als er klein war, wollte er jeden küssen», erzählt Niya. Im Park lief er oft mit einer fast schon verwirrenden Begeisterung auf andere Kinder zu. «Er machte keinen Unterschied zwischen Menschen, die er kannte, und solchen, die ihm zum ersten Mal begegneten», ergänzt sein Vater. «Wir konnten ihn noch so oft bremsen – er liess sich einfach nicht aufhalten», fügt Joane lächelnd hinzu.

Vor allem fällt seine überschäumende Geselligkeit auf.

«Gemeinsam in die Schule»

Eine inklusive Schule ermöglicht es Kindern mit und ohne Behinderung, gemeinsam in der Schule ihres Quartiers oder Dorfes zu lernen und zusammen aufzuwachsen. Für Nadji bedeutet diese individuelle Unterstützung, dass er heute weiterhin die öffentliche Schule in Genf besuchen und in seinem eigenen Tempo lernen kann.

Die Schule: ein neuer Lebensabschnitt

Mit dem Schuleintritt beginnt für Nadji ein neuer Lebensabschnitt. Die Anforderungen steigen, die Tage werden länger, und der Alltag ist stärker durchstrukturiert. Besonders Übergänge – der Wechsel von einer Aktivität zur nächsten – stellen ihn immer wieder vor Herausforderungen und führen zu Stress. Zudem wirkt er zunehmend müde, und es fällt ihm teilweise schwer, mit dem Tempo der Klasse mitzuhalten.

In den ersten Schuljahren lernt Nadji die Buchstaben noch wie seine Klassenkameraden. Später vergrössert sich jedoch der Abstand, insbesondere beim Lesen. Lehrpersonen, Schulleitung und verschiedene Fachkräfte bemühen sich, passende Lösungen zu finden, können seinen Bedürfnissen jedoch nicht immer gerecht werden. Gleichzeitig wächst bei der Familie der Druck, über einen Wechsel in den sonderpädagogischen Bereich nachzudenken.

Wertvolle Unterstützung erhält Nadji ab dem zweiten Kindergartenjahr durch eine auf Trisomie 21 spezialisierte Stiftung.

Wertvolle Unterstützung erhält Nadji ab dem zweiten Kindergartenjahr durch eine auf Trisomie 21 spezialisierte Stiftung. Dank ihrer Begleitung arbeiten Lehrpersonen, Logopädin, Ergotherapeutin und Eltern eng zusammen und verfolgen gemeinsame Förderziele. «Das hat alles verändert», sagt Joane. «Zum ersten Mal wurden alle Beteiligten miteinander vernetzt. Wir hatten einen klaren Förderplan, und jede und jeder wusste, was zu tun war.» Heute besucht Nadji weiterhin die öffentliche Schule. Sein Lehrplan ist seinen Bedürfnissen angepasst.

Dank ihrer Begleitung arbeiten Lehrpersonen, Logopädin, Ergotherapeutin und Eltern eng zusammen und verfolgen gemeinsame Förderziele.

Joane Matthey

«Das hat alles verändert», sagt Joane. «Zum ersten Mal wurden alle Beteiligten miteinander vernetzt. Wir hatten einen klaren Förderplan, und jede und jeder wusste, was zu tun war.»

Joane Matthey, Nadjis Mami

«Ich möchte Koch werden»

Auf dem Pausenplatz und in der Nachmittagsbetreuung hat Nadji seinen Platz gefunden. Sein bester Freund Jay-Jay teilt mit ihm eine grosse Leidenschaft: den Fussball. Seine Freunde kümmern sich aufmerksam um ihn. Sie warten, bevor sie gemeinsam die Strasse überqueren, erinnern ihn daran, seine Jacke oder seinen Rucksack mitzunehmen, und verteidigen ihn, wenn andere Kinder sich über seine Art zu sprechen lustig machen. «Sie gehen sehr beschützend mit ihm um», bemerkt seine Mutter. Zu Hause nimmt Nadji seine Rolle als grosser Bruder für seine beiden kleinen Schwestern Sanza und Gaïa sehr ernst und packt bei den täglichen Aufgaben mit an. «Er möchte unbedingt zeigen, dass er vieles ganz allein schaffen kann», betont Joane. Als es im Gespräch um seine Wünsche für die Zukunft geht, muss Nadji nicht lange überlegen. Mit leuchtenden Augen sagt er: «Später will ich Koch werden.»

Er möchte unbedingt zeigen, dass er vieles ganz allein schaffen kann.