Ein Tag in der Kita bringt mehr als jede Therapie

Autor

Susanne Schanda

Veröffentlicht am

Junge Eltern von Kindern mit einer geistigen Behinderung sind auf Entlastung angewiesen, um arbeiten zu gehen oder sich von der intensiven Betreuungsarbeit zu erholen. Der kleine Andri hat in der inklusiven Kita Drachenburg sprechen gelernt. Auch die anderen Kinder profitieren vom Projekt inKita Oensingen.

Bei Müllers in Wolfwil geht es hoch zu und her an diesem Dienstagmorgen. Die beiden Buben rumpeln auf ihren Plastikautos durch die Stube, der vierjährige Andri auf dem roten, der zweijährige Mevion auf dem Grünen. Andri hat Autismus und regiert stark auf äussere Reize. Die Eltern wechseln sich ab in der Betreuung. Während Herr Müller als Förster an den Wochentagen tagsüber arbeitet, macht Frau Müller im Notfalldienst Nacht- und Wochenendschichten. So ist immer jemand bei den Kindern. Das zehrt an den Kräften und belastet die junge Familie.

Eine Mutter spielt mit ihren zwei Kindern, welche auf einem Rutschauto sitzen.

Frau Müller hat zuhause alle Hände voll zu tun mit Andri und Mevion. ©Danielle Liniger

«Ich gehe arbeiten, damit mir zuhause nicht die Decke auf den Kopf fällt», erzählt Frau Müller. In dieser Situation ist das Projekt inKita Oensingen ein wahrer Segen für die Familie. Seit August 2016 geht Andri zwei Mal in der Woche in die inklusive Kita Drachenburg, von 8.30 am Morgen bis am Nachmittag um 16.30 Uhr. Neben den Kindern ohne Behinderung werden zwei weitere Kinder mit einer geistigen Behinderung von einer heilpädagogischen Früherzieherin speziell betreut. «Das ist eine grosse Entlastung für mich, ich kann wieder einmal tief durchatmen und habe mehr Zeit und Energie für den kleinen Mevion und meinen Mann.»

Zwei junge Brüder sitzen auf Rutschautos und lachen.
Andri hat in der Kita geschaut, was die anderen machen und es dann nachgemacht. ©Danielle Liniger

Alle profitieren von der inklusiven Kita

Doch der Kita-Aufenthalt von Andri entlastet nicht nur die Eltern, sondern tut auch dem Kind gut, erzählt seine Mutter: «Anfangs hat Andri dort nur in einer Ecke gestanden und zugeschaut, aber mit der Zeit hat er gelernt, mit den anderen Kindern in Kontakt zu treten. Er hat geschaut, was die anderen machen und es dann nachgemacht. Erst in der Kita hat er überhaupt angefangen zu sprechen.»
Die gemeinsamen Nachmittage mit den anderen Kindern aktivieren und fördern sein soziales Verhalten. Das ist ein Gewinn für alle Beteiligten. Auch die Kinder ohne Behinderung lernen durch den Umgang mit Andri, sagt Beatrice Heri, Mutter eines dreijährigen Knaben in der inklusiven Kita Oensingen: «Ich begrüsse es, dass unser Sohn lernt, mit Kindern zu spielen, die sich manchmal ein wenig anders verhalten als andere.» Barbara Saner hat eine Tochter in der gleichen Kita: «Das ist überhaupt kein Nachteil, im Gegenteil. So lernt unsere Tochter von Anfang an, dass Kinder mit einer Behinderung ganz selbstverständlich dazu gehören. Davon profitieren alle Kinder.» Sie hofft, dass das Projekt in Zukunft weitergeführt wird. Das wird es, allerdings in anderer Form, da der Kanton seine finanzielle Unterstützung im Sommer beendet.

Mutter mit ihren zwei Kindern.

«Kinder mit kognitiver Beeinträchtigung profitieren vom Umgang mit anderen Kindern. «Ein Tag in der Kita bringt mehr als jede Therapie»

Frau Müller, Mutter von Andri und Mevion
Ein Kind sitz auf einem roten Rutschauto
Jedes Kind soll die fachliche Unterstützung erhalten, die es braucht. ©Danielle Liniger.

Das Projekt inKita und andere Entlastungsangebote

Kurt Rufer vom Kantonalen Volksschulamt Solothurn erläutert, dass die inKita Oensingen ein einzelnes Pionierprojekt mit vielen überzeugenden Aspekten war, das nun ausgewertet und allenfalls künftig auf den ganzen Kanton ausgeweitet wird.
Anja Kehm, Standortleiterin von Das Kind im Zentrum (DKIZ) und verantwortlich für das Projekt inKita, möchte es künftig auf eine flexible Beratungsebene bringen, auf der jedes Kind die fachliche Unterstützung erhält, die es braucht. Damit würde es kostengünstiger als die gegenwärtige Ganztagsbetreuung durch eine Fachperson. Mithilfe von Spendengeldern sollte der Betrieb wenn möglich im Herbst nahtlos weitergeführt werden. «Langfristig kann dies allerdings nicht ohne Unterstützung des Kantons geschehen», sagt Anja Kehm.
Die Familie Müller hat auch andere Entlastungsangebote geprüft, durch Vermittlung der Pro Infirmis etwa den Entlastungsdienst Solothurn oder die Kinderspitex, aber eine Tagespauschale von rund 250 Franken zwei Mal pro Woche war langfristig zu teuer.
Und das Kind profitiert vom Umgang mit anderen Kindern. «Ein Tag in der Kita bringt mehr als jede Therapie», sagt Frau Müller.

 

Dieser Artikel stammt aus dem im Juni 2017 veröffentlichten insieme Magazin.

Kitas und Entlastungsdienste für Familien

Im April 2017 wurde unter Mitarbeit von insieme die Broschüre «Kindertagesstätten öffnen für Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf» veröffentlicht. Sie können diese gleich nachfolgend unter «Dokument zum Herunterladen» downloaden.

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