Ein Jobcoach unterstützt beide Parteien

Autor

Martine Salomon

Veröffentlicht am

Für Arbeitgeber ist die Integration einer Person mit geistiger Behinderung oft eine bereichernde Erfahrung. Ein Job-Coaching kann bei der Suche nach einer praktikablen Umsetzung wertvolle Unterstützung bieten. Bericht aus einer Coaching-Sitzung.

Sylvain Abraham, 35 Jahre alt, arbeitet in der Parkverwaltung von Grand-Saconnex: seit 2018 als Praktikant, seit 2019 als Hilfsgärtner zu 80%. «Ich fühle mich gut und bin froh, hier zu sein! Es bringt mich in Hochstimmung.» Zuvor war er in der Gärtnerei einer geschützten Werkstatt tätig. Sein Wunsch war es aber, in einem Betrieb zu arbeiten, «um mit allen möglichen Leuten zu arbeiten und einen normalen Beruf zu haben». Ein Freund sowie eine Mitarbeiterin der IV machten ihn auf den Genfer Verein Actifs aufmerksam.

«Das ist nicht schlecht: Menschen mit Schwierigkeiten können in ein gewöhnliches Umfeld mit gewöhnlichen Leuten eingegliedert werden.» Zu seinen Aufgaben gehören Unkrautjäten sowie Rasenmäher, Laubbläser und Fadenmäher bedienen. Am liebsten arbeitet er mit Maschinen. «Ausser mit dem Laubbläser, wenn der Wind die Blätter in die falsche Richtung wirbelt», sagt er lachend. Sylvain wird immer selbstständiger und lernt ständig dazu. Eines seiner Ziele ist, sein Wissen über Pflanzen zu erweitern. Vor Ort diktierte ihm seine Bezugsperson Emile Galland, Leiter der Parkverwaltung, 25 Pflanzensorten auf Französisch und Latein. Diese musste er in einem Buch nachschlagen, mit seinem Chef korrigieren, bereinigen und dann «lernen». Das war schwierig.

Die Suche nach praktischen Lösungen

Man schlug ihm vor, die Pflanzen und deren Fotos im Internet zu suchen. Da haperte es allerdings. «Mit dem Computer kann ich nicht so gut umgehen. Mühe bereitet mir vor allem das Layout.» Sein Chef wird ihm nun helfen, die Computerkenntnisse zu verbessern. Mühe hat er auch mit dem Auswendiglernen von Namen. «Ich weiss nicht, wie ich das hinkriegen soll.» Und genau dies ist das Thema der Sitzung mit Emile Galland und Yann Lhéridaud, Coach bei Actifs. Sylvain überlegt, dann kommt ihm eine Idee: «Man könnte die Bilder aus dem Internet ausdrucken, und ich müsste die entsprechenden Namen finden!» Emile Galland findet das  gut und kommt auf das letzte Treffen zu sprechen: «Das war lustig. Da hast du dir Sätze ausgedacht, die dich an die Pflanzen erinnern. Solche Gedankenstützen können helfen.» Yann Lhéridaud nennt eine zusätzliche Möglichkeit: «Du könntest Skizzen machen. Kannst du zeichnen?» Sylvain verneint. «Es muss nicht schön sein. Wenn du dich später nicht mehr erinnerst, werden wir darüber lachen. Es geht darum, sich Dinge mittels Assoziationen einzuprägen. Für die einen funktioniert das Gedächtnis über das Gehör, für andere über Bilder und wiederum für andere über Texte», erklärt der Coach. «Bei mir läuft das über die Augen!» Man definiert die Ziele für die nächsten Wochen und vereinbart einen Termin für eine Bestandsaufnahme im nächsten Monat. Die Sitzung hat weniger als 20 Minuten gedauert.

Emil Galland, in seiner Arbeitskleidung, sitzt an einem Tisch, die Hände zusammengelegt und den Kopf nach links gedreht.
Emile Galland ist Chef und Bezugsperson von Sylvain Abraham. Foto: Cyril Zingaro

«Je nachdem kann es 15 Minuten, aber auch mal zwei Stunden dauern», sagt Yann Lhéridaud. Mit der Parkverwaltung läuft die Zusammenarbeit bestens. Emile Galland betont: «Die Anstellung von Sylvain deckte einen Bedarf ab. Und er kommt sehr gut aus mit seinen Kollegen. Die Abteilung besteht aus etwa 15 Mitarbeitern, Teamarbeit ist wichtig. Es gibt diverse Sektoren: Grünflächen, Friedhöfe, Brunnen und ein Fussballstadion. Die Aufgaben sind abwechslungsreich und gerecht verteilt, nach dem Motto: «Jeder macht alles!» Actifs bringt wertvolle Kompetenzen und Erfahrungen mit. «Eine Aussensicht ist bereichernd, damit wir unsere Arbeit hinterfragen und für eine gute Fortsetzung sorgen können. Yann bildet auch uns weiter. Er sagt seine Meinung, gibt Ratschläge und schlägt Änderungen vor.»

Begleitung nach Bedarf

Wenn sich ein Arbeitssuchender an Actifs wendet, kommt es zuerst zu einer telefonischen Einschätzung. Manchmal wird die Person an eine andere Stelle verwiesen. Wenn nicht, werden zusätzliche Informationen via E-Mail angefordert. Daraufhin treffen sich zwei Actifs-Mitarbeiter mit dem Stellensuchenden. Haben sie einen positiven Eindruck, muss ein Dossier eingereicht werden.

Sylvain Abraham sitzt an einem Tisch. Seine gefalteten Hände liegen auf dem Tisch und er lächelt, während er nach rechts schaut.
Der Angestellte Sylvain Abraham bringt seine Ideen in den Prozess ein. Foto: Cyril Zingaro

Dann sucht Actifs einen Praktikumsplatz. «Manchmal geht es schnell. Aber es gibt auch komplizierte Fälle», sagt Yann Lhéridaud. Die Stellensuche bei Betrieben erfordert Kreativität und Überzeugungskraft. Es kommt auch vor, dass sich Unternehmen spontan an Actifs wenden. Etwa aus den Bereichen Logistik, Küche und Service und andere. Das hängt ganz von der Nachfrage und den Kompetenzen der Person ab.

Manchmal brauchen auch die Bezugspersonen Unterstützung, etwa wenn es darum geht, wie man dem Mitarbeiter Dinge erklärt. «Es braucht ein ruhiges Umfeld, klare Anweisungen, und zwar schriftlich. Hier hat die Bezugsperson auch eine ‹soziale, auszubildende› Funktion, was nicht immer klappt», so der Coach. Manchmal traue sich der Arbeitgeber nicht, ein Problem anzusprechen, und wolle es alleine lösen. Erst nach der Sitzung, wenn man noch etwas plaudere, bringe er es dann zur Sprache. Zum Beispiel: «Ist es normal, dass ein Mitarbeiter immer eine volle Stunde auf der Toilette verbringt?» Ein Problem, das gelöst werden muss, mit Unterstützung von Actifs. «Das Ziel ist die Autonomie. Wenn es gut läuft, treten wir kürzer. Man sieht sich alle drei Monate, dann einmal pro Jahr. Aber wenn es uns braucht, sind wir da.»

Dieser Artikel stammt aus dem im Dezember 2020 veröffentlichten insieme Magazin.

Inklusion im ersten Arbeitsmarkt

insieme setzt sich DAFÜR ein, dass möglichst viele Menschen mit einer geistigen Behinderung die Chance erhalten, im ersten Arbeitsmarkt zu arbeiten. Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg ist die zweijährige Praktische Ausbildung (PrA) nach INSOS. Laut PrA-Statistik 2018/19 sind zwei Drittel der Lernenden nach dem Abschluss ins Arbeitsleben eingetreten. 26% arbeiten im ersten, 43% im zweiten Arbeitsmarkt. 16% der PrA-Lernenden haben in eine EBA-Lehre gewechselt. Eine wichtige Arbeitsvermittlungsstelle in der Deutschschweiz ist mitschaffe.ch, die Personalfirma FÜR Menschen mit Handicap in der Region Schaffhausen.